VortragAus Verstreutem ein Ganzes ![]() 1975
zog ich nach Dresden, eine Großstadt im Süden der damaligen
DDR. Ich arbeitete dort als Pianist und Komponist im Liedertheater 'Schicht'.
Deren Aufführungen, die eine Mixtur aus Songs, Theater, Elektronik und visuellen Medien waren, führten mich auf zahlreiche Tourneen durch ganz Europa. Die Erfahrung, selbst Musik auf einer Bühne auszuüben, sowie auch Theater zu spielen, war sehr prägend für alle meine darauffolgenden Projekte. Von
1977 bis 1983 absolvierte ich ein Kompositionsstudium an der Hochschule
für Musik in Berlin, das ich um ein Zusatzstudium an der Akademie
der Künste in der Meisterklasse von Georg Katzer (Foto) erweiterte.
Nach Abschluß meiner Studien begann ich meine Arbeit als freischaffender
Komponist in Berlin.Ruhestörung Wir hörten einen Ausschnitt aus der Komposition 'Ruhestörung' Die Schlaginstrumente habe ich eigens für dieses Stück entworfen und aus verstreuten aussortierten Haushaltsgegenständen selbst gebaut. Ich baute Schlaginstrumente aus Stuhlbeinen, Wasserrohren, Büchsen und Dosen, Flaschen, Kohleneimern, Blechen sowie ein großes xylophonähnliches Instrument mit ganz gewöhnlichen Brettern zur Klangerzeugung. Die Entstehung der Komposition hatte etwas mit meinem damaligen Wohnungsvermieter zu tun, der mich wegen angeblich zu lautem Klavierspiel vor Gericht verklagte, den Prozeß jedoch verlor, da es für den Richter als nicht erwiesen galt, dass mein Klavierspiel ruhestörender Lärm sei. Die
Jahre nach dem Studium waren geprägt von der Arbeit mit Solisten
und Ensembles in der Zeitgenössischen Neuen
Musikszene. Es entstanden zahlreiche Kompositionen für Soloinstrumente,
z.B. für Klavier, für Flöte und vor allen Dingen für
Tuba und den Solotubisten des Berliner Sinfonieorchesters, Michael Vogt, den ich 1985 kennenlernte. In enger Zusammenarbeit mit ihm und in mehr als einem Dutzend Stücken entwickelten wir außergewöhnliche Spieltechniken für die Tuba und klangliche Manipulationen am Instrument selbst. Ein Beispiel dafür ist Tuba Intim, bei
dem zwei Tubas mit Schläuchen so miteinander verbunden werden, dass
jeder Spieler durch Betätigen eines bestimmten Ventils auch die Tuba
des Mitspielers zum Klingen bringen kann. Ein anderes Beispiel ist Aus
Verstreutem ein Ganzes, wo die Tuba in ihre Einzelteile zerlegt wird und
die Tubatöne über zusätzliche Schalltrichter und Schläuche
umgeleitet werden und von anderen Orten her und aus anderen Richtungen
erklingen.Alle diese Stücke, Studien und Erfahrungen gipfelten schließlich in der Komposition Tubakonzert Ein anderes Beispiel aus dieser ersten Schaffensperiode ist die Ensemblekomposition und war es noch still Diese Komposition stellte einen Umbruch in meiner Arbeitsweise dar. Alle Kompositionen zuvor entstanden auf herkömmliche Weise am Schreibtisch und realisierten sich klanglich erst durch die Uraufführung. Diese Situation beengte mich zunehmend. Ich wollte intensiver an der Klang- und Formentwicklung meiner Stücke teilhaben und zwar während des Komponierens und nicht erst sehr viel später in den Proben zu einem Stück. Also nutzte ich die Mittel der Elektronik. Mit einem Sampler und einem Computer entwarf ich eine Klangsimulation des Stückes während ich komponierte und entwickelte das ganze Werk quasi hörend. Erst als ich mit der simulierten Fassung zufrieden war, notierte ich die Komposition in Form einer Partitur. Diese Arbeitsweise, die ein produktives Wechselspiel von Komponieren und Hören in Realzeit ist, veränderte mein Formempfinden nachhaltig. Einige
Werke aus dieser ersten Schaffensperiode sind zusammengefaßt auf einer
Solo CD, die bei Wergo 1992 erschienen
ist. Cut
Diese Arbeit war sehr zeitaufwendig, mitunter benötigte ich mehrere Wochen, um ein paar Minuten Musik herzustellen. Um
diese Arbeitsweise und meine speziellen Klangvorstellungen noch besser realisieren
zu können, richtete ich mir in den folgenden Jahren mein eigenes Tonstudio
ein, um meine Projekte technisch und künstlerisch unabhängig verwirklichen
zu können. Eng mit dieser elektroakustischen Tätigkeit verknüpft,
schuf ich in dieser Zeit vorwiegend Kompositionen für Lautsprecher,
Musik für Videokunst, Filmmusiken, Schauspielmusiken, Musik für
Tanztheater, Musik für Hörspiel und Radiokunst. Eine exemplarische Arbeit aus dem Bereich Radiokunst ist das Hörstück 'Das Zeichen der Drei' (The Sign of Three) nach einem Text von Chris Cutler. Das Zeichen der Drei, die geheimnisvolle Geschichte des Kommissar Rex Monday, collagiert Fragmente einer Kriminalgeschichte und betritt gleichermaßen philosophische Gefilde. Bezüge auf Gedächtnis, Literatur, Kommunikationssysteme und Medien bilden ein ständiges Leitmotiv. Die Musik zu diesem Hörstück ist eine Art Soundtrack zu einem imaginären Hörfilm. Ich habe mir ein akustisches Drehbuch erstellt und mich von Wort zu Wort, von Klang zu Klang vorgewagt und Szene für Szene hörend komponiert. In Anlehnung an die moderne Filmmusikakustik habe ich das Stück in Dolby Digital produziert. Die Technik der 5-Kanalwiedergabe eröffnete mir die Möglichkeit, mich als komponierender Zuhörer mitten ins Klanggeschehen zu begeben. Das Hörstück wurde 1998 in der Akademie der Künste Berlin als erstes 5-Kanalhörspiel Deutschlands zur Uraufführung gebracht. Der Tatort In diese Zeit fällt auch der Beginn meiner Zusammenarbeit mit der Berliner Tanzcompagnie Rubato. Eine unserer ersten Produktionen war 'duty free'. Daran
waren Tänzer aus Deutschland, China, Estland und Kanada beteiligt.
Mein Konzept für die Musik zu diesem Tanzstück bestand darin,
von jedem Tänzer persönliches, authentisches Klangmaterial aufzunehmen,
zum Beispiel Stimmsamples oder tanzend mit dem Körper erzeugte Geräusche,
um davon ausgehend die Musik zu komponieren. Ich stellte den Tänzern
frei, mittels welcher Texte sie mir einen persönlichen Stimmabdruck
zu Verfügung stellen würden. Anna-Liisa aus Estland las einen
Märchentext und Daelick aus Kanada erzählte kurze Episoden aus
seiner Kindheit. So erhielt ich Stimmmaterial verschiedener Sprachen und
Kulturkreise. Wie schon in 'The 5th Elephant', ist in 'duty free' die Musikalisierung gesprochener Wörter eine der Hauptkompositionsrichtungen. Ich möchte diese Arbeitsweise anhand eines Beispiels demonstrieren. Zuerst nahmen wir den Text in einem Studio auf. Nach der Aufnahme im Studio hörte ich den gesamten gesprochenen Text am Computer sehr oft durch. Hören sie einen Ausschnitt Danach markierte ich einzelne Wörter oder Silben, die einen außergewöhnlichen melodischen oder rhythmischen Charakter hatten, unabhängig von deren semantischer Bedeutung. Diese Arbeit ist so eine Art Motivsuche, nur dass die Motive Das gesprochene Wort IST eigentlich schon Gesang, nur sind die Tonfolgen so schnell und zufällig, dass keine melodische Ordnung hörbar ist. Koppelt man jedoch einige Silben aus dem Kontext anderer Wörter heraus und wiederholt sie wie ein Motiv, oder führt die melodische Substanz mit instrumentalen Klängen weiter, offenbart sich der harmonische Ursprung der gesprochenen Wörter und wird als Musik erfahrbar. Die getroffene Auswahl von Silben und Wörtern brachte ich dann in eine melodisch schlüssige Reihenfolge. Ich verwendete einzelne Silben, vorwärts und rückwärts abgespielt, faßte Silben aus verschiedenen Wörtern zu neuen virtuellen Wörtern zusammen und brachte sie in rhythmische Abläufe. Entlang der so entstandenen Hauptstimme Es ist Lautsprecherkunst. Die Melodik und alle musikalischen Komponenten leiten sich ausschließlich aus dem Material der jeweiligen individuellen Stimme selbst ab. Dabei vermeide ich jedoch semantische Bedeutung. Ich erfinde eine scheinbar neue Sprache, die aus Versatzstücken der jeweiligen Originalsprache zusammengesetzt ist. Ich suche nach einem Ausdruck, der phonetisch bestimmt ist. Dieser vermittelt sich ausschließlich über den Gestus und ist international verständlich. (duty free Die
wichtigsten Stücke aus 'duty free' und einer weiteren Tanzproduktion
mit dem Titel Person to Person
habe ich auf der CD Lost in Rooms
zusammengefaßt, die im November 2003 bei RER London erschienen ist.)
Musik im öffentlichen Raum - Klangkunst Ende der 90er Jahre hat sich ein Teil meiner Aktivitäten auf Kunst im öffentlichen Raum konzentriert. Ich wollte weg aus der hermetischen Abgrenzung der Konzertsäle, den damit verbundenen strengen Rezeptionsformen. Ein weiterer Grund für die Abkehr vom regulären Konzertbetrieb war auch der innige Wunsch, neue und andere Publikumskreise zu erreichen, als das eher aus Spezialisten bestehende Konzertpublikum für Neue Musik. Deshalb suchte ich Kontakte und Arbeitsmöglichkeiten für Musik im öffentlichen Raum. Eine der ersten Arbeiten auf diesem neuen Gebiet war eine Komposition für das Berliner Carillon, den Glockenturm im Tiergarten in der Nähe des heutigen Regierungssitzes, des Berliner Reichstags. Der Zufall wollte es so, dass zur Zeit der Uraufführung Christo den Reichstag verhüllte. Folglich habe ich meine Komposition 'Mensch, Christo!' genannt. (Mensch, Christo! Eine weitere Möglichkeit, Kunst im öffentlichen Raum zu schaffen - mit dem Ziel direkterer und engerer Kommunikation mit einem größeren Publikum - ergab sich durch meine Arbeit an Klanginstallationen. Im Rahmen des Klangkunstfestivals sonambiente traf ich 1996 mit dem Architekten Malte Lüders zusammen, um ein Klangkunstwerk im Zentrum von Berlin zu erschaffen, das Klang und Architektur miteinander verknüpft und die örtlichen Gegebenheiten, Stimmungen und Geräusche mit einbezieht. Als Ort wählten wir den Innenhof der Staatsbibliothek Unter den Linden aus. Für diesen Ort schufen wir die Klanginstallation 'Holle'. Der
Titel Holle bezieht sich auf ein in Deutschland sehr bekanntes Märchen:
Frau Holle. In diesem Märchen gibt es
eine Mutter, die hat zwei Töchter. Die eine ist fleißig und
die andere ist faul. Beide werden auf eine Probe gestellt und das Märchen
endet damit, dass die fleißige belohnt wird und die faule bestraft.
Das geschieht nun so: beide müssen durch ein Tor gehen, bei der fleißigen
regnet es Gold, als sie unter den Torbogen tritt und bei der faulen regnet
es Pech. Diese Idee griffen wir als Parabel auf, nur dass wir kein Gold
oder Pech regnen lassen, sondern Klänge. Wie im Märchen Frau
Holle betritt der Besucher ein Portal, in dem 180 Plexiglasröhren
frei schwingen. In der Mitte des Portals, umschlossen von 3 Meter langen
Röhren, öffnet sich ein dreidimensionaler Hörraum. Aus
88 in die Röhren eingelassenen Lautsprechern ergießt sich eine
Strom aus Naturgeräuschen, Stimmen, Klängen und Tönen über
den Hörer. Mit Blick auf die Umgebung, die durch die schwingenden
durchsichtigen Röhren fremd erscheint, lauscht der Besucher märchenhaften
Klangwandlungen.Die vierkanalige Musikkomposition greift das Geräusch der Wasserfontäne im Innenhof der Staatsbibliothek auf, entlockt ihm musikalische Harmonien und läßt Tier- und Menschenstimmen, Instrumentalklänge und Zivilisationsgeräusche hervortreten. Die Collage endet mit dem gelesenen Text des Märchens Frau Holle. Die gläserne Klangoase bezieht sich auf die verwunschene Umgebung der grün bewachsenen Architektur des klassizistischen Innenhofes und weckt im Besucher Assoziationen von Märchenhaftigkeit. Holle Eine
weitere gemeinsame Arbeit mit dem Architekten Malte Lüders ist die
Klanginstallation 'Körperwellen-Wellenkörper', die im Jahre
2000 entstand.Für den Lichthof des Sender Freies Berlin entworfen, reflektieren die Proportionen der Installation dessen ausgewogene funktionalistische Architektur. Das komplexe Erleben von Musik durch Sehen, Hören und Spüren ist Thema dieser Installation. Bei sehr tiefen Tönen oder Frequenzen an der unteren Schwelle des Hörens wandelt sich unser Klangempfinden, Klang wird fühlbar und kann auch sichtbar gemacht werden. Entlang zweier freischwingender Holzplanken stehen vier Wasserbecken. In den Becken sind unter der Wasseroberfläche sowie an der Unterseite der Holzplanken Bodyshaker montiert. Bodyshaker
sind spezielle Schallwandler zur Wiedergabe sehr tiefer Frequenzen. Sie
versetzen Dinge wie Holz, Luft oder Wasser in hörbare, spürbare
und sichtbare Schwingungen. Ich steuere diese Schallwandler mit speziellem
Klangmaterial an, das aus Wassergeräuschen, gestrichenen Weingläsern,
menschlichen Stimmen und tiefen Sinustönen unterhalb unserer Hörgrenze
besteht.Beim Betreten der Planken spürt der Besucher Vibrationen im Körper und sieht kreisförmige Wellen auf den Wasseroberflächen. Die leisen Klänge der Komposition sind kaum ortbar, bewirken jedoch verschiedene Transformationen: den Übergang von Klang in Bewegung und den Übergang von auditiver in taktile und visuelle Wahrnehmung. So entschwindet der Klang dem Gehör und taucht zugleich als leichtes Kribbeln im Körper wieder auf, Wellen glätten sich auf dem Wasser und wandeln sich zu hörbaren Klanggebilden und umgekehrt . Körperwellen-Wellenkörper Weitere
Klangkunstwerke, die ich mit Malte Lüders realisiert habe, sind die
Klanginstallationen
Klangfluß
Cumulus Aus Verstreutem ein Ganzes Jedes Stück ist für mich ein Abenteuer. Ich stürze mich immer wieder auf ein neues Gebiet, das mich fasziniert, lote es bis an meine persönlichen Grenzen aus und kehre zu meinem Ausgangspunkt verändert zurück um neues Terrain zu erobern. Ich brauche diese Vielfalt, um mich zu entfalten. Mein Lehrer Georg Katzer hat einmal zu mir gesagt: Es zeichnet einen Komponisten nicht aus, was er mit einem ganzen Orchester anzufangen weiß, sondern ob er mit zwei Klanghölzern ein gutes Stück komponieren kann. Das abschließende Stück basiert zwar nicht auf Klanghölzern, verwendet aber ein ähnlich karges Material. Ich sammele unter anderem Tierstimmen und komponiere manchmal Stücke daraus. Hören Sie die Miniatur Muh |